Rechtsanwälte Garbe & Dittmann, Presse

PRESSE


Artikel der Zeitschrift "Men´s Health", Ausgabe Mai 2008
Rubrik: Berater

"Nicht ohne meine Tochter"

Vor 3 Jahren hat er seine kleine Tochter zum letzten Mal gesehen. Damals entführte seine Lebensgefährtin die Einjährige aus der gemeinsamen Wohnung. Seitdem kämpft er um das Kind, wie viele Väter in Deutschland.
Text: Jens Clasen Fotos: Michael Lange

Die eine Nacht im Gefängnis hat ihm den Rest gegeben. Peter Baumann (Name von der Redaktion geändert) kann nicht mal mehr weinen. Die Augen des 43-Jährigen treten oft hervor, sein Gesicht verzieht sich, die Schleusen sind offen, aber es kommt nichts. Der Horror ist zu vertraut, als dass er noch schrecken könnte. Er ist Alltag geworden. Peter Baumann musste ins Gefängnis, weil seine Lebensgefährtin das gemeinsame Kind entführt hat. Was widersinnig klingt, ist der groteske Höhepunkt einer Schauergeschichte, die als Lovestory begann.

Peter holte sich das Unglück, als großes Glück getarnt, selbst in sein Leben. Um sein Spanisch zu verbessern, sucht der Berliner Diplom-Bibliothekar im Jahr 2002 einen Tandem-Sprachlehrer: 2 Leute treffen aufeinander, der eine deutscher Muttersprachlehrer, der andere spanischer, beide lernen voneinander die Sprache des jeweils anderen. Seine Tandem-Partnerin ist Dora, eine Peruanerin, Mitte 30. Er trifft sie zum ersten Mal in einem Café in Kreuzberg. Auf den Fotos von damals hat Dora entschlossene Augen, ihr geschwungener Mund lächelt verhalten. Der Deutsche und die Peruanerin kommen sich näher, verlieben sich, ziehen zusammen. Schon bald ist sie schwanger, beide wollen das Kind. Dora hat lange illegal in Deutschland gelebt, sie arbeitet schwarz, macht Putzjobs. Viele ihrer Freunde, die Peter Baumann kennenlernt, mit denen beide in seiner Wohnung im Garten im beschaulichen Lichterfelde-West feiern, sind illegal im Land. Immer wieder kreisen die Gespräche um die gleichen Fragen: Wie bekomme ich eine Aufenthaltsgenehmigung? Wieso muss jeder in die Sozialversicherungen einzahlen? Wieso kann ich nicht einfach schwarz arbeiten? Immer wieder bemüht sich Peter Baumann, Doras Freunden das deutsche System zu erklären. Aber immer wieder stößt er auf taube Ohren, selbst bei Dora. Er kritisiert, dass sie sich nicht integrieren möchte: "Als das Kind unterwegs war, habe ich zu ihr gesagt, wir können hier leben oder in Peru, beides ist mir recht. Aber das geht nur, wenn sich der eine im Land des anderen anpasst. Sie hat sich für Deutschland entschieden - aber sie hat ein südamerikanisches Leben gelebt." Er lebt es mit ihr, mehr oder weniger widerstrebend, aber da ist ja noch das Kind - und die Hoffnung, die es verspricht.

Dora bringt im Juni 2004 ein Mädchen zur Welt. Josephine ist ein gesundes, waches, fröhliches Kind. Auf Fotos strahlt sie über ihre roten Bäckchen, ihr schwarzes Haar ist mit einer roten Schleife rechts oben am Kopf zu einem Zöpfchen gebunden. Fast zeitgleich endet Peter Baumanns befristeter Arbeitsvertrag, also steigt er in die Kinderpflege ein, wickelt, wäscht, kocht, putzt, spielt - und Dora geht arbeiten. Allerdings immer schwarz. Seine Versuche, sie dazu zu bewegen, eine Ausbildung zu machen, einen qualifizierten Beruf zu erlernen und legal zu arbeiten, schlagen fehl. Sie will lieber putzen und keine Steuern zahlen. Sie misstraut den Behörden und will nichts mit ihnen zu tun haben. Durch die Geburt eines deutschen Kindes ist ihr Status ohnehin gesichert, das genügt ihr. In ihrer Freizeit trifft sie sich meistens mit ihren südamerikanischen Freunden. Die Versuche ihres Partners, sie mit dem Leben in Deutschland vertraut zu machen, blockt sie total ab.

Immer häufiger gibt´s Diskussionen immer öfter gehen beide getrennte Wege, leben aneinander vorbei. Als Josephine ein Jahr alt ist, soll sie nicht mit anderen Kindern spielen - Dora findet die deutschen Kinder "schmuddelig". Als der Vater Josephine für eine Krabbelgruppe anmelden will, geht Dora nur widerwillig mit, wahrscheinlich empfindet sie sein Handeln als das Überschreiten einer Grenze. Eines Tages im Juni 2005 kommt Peter Baumann nach Hause, als Dora gerade den Kinderwagen für einen ihrer Ausflüge packt. Sie sagt: "Ich gehe dann jetzt", er sagt: "Viel Spaß, bis nachher!", dann verschwindet sie mit Josephine aus der Tür. Aus dem Haus. Aus seinem Leben.

Sie kommt am Abend nicht wieder, in der Nacht nicht, auch nicht am nächsten Tag. Peter Baumanns Familie ist weg. Er trägt seine Sorgenberge zur Polizei, fragt nach Unfällen oder Unglücksfällen, aber da war nichts. Nichts. Das kleine Wort schleicht sich an jenem Tag im Sommer 2005 in sein Leben, um da fortan zu wachsen und von ihm zu zehren. Keine Nachricht - nichts. Kein Kontakt - nichts. Keine Chance - nichts. Peter Baumann taumelt durch die Behörden. Die Polizei sagt, sie könne nichts tun, weil geteiltes Sorgerecht vorläge. Er müsse zum Jugendamt. Das Jugendamt sagt, es läge sehr wohl etwas vor, das sei Kindesentführung und ganz furchtbar schlimm, man könne jedoch nichts tun, er müsse zum Familiengericht. Beim Familiengericht wiederum fühlt man sich nicht zuständig, fragt, ob denn das Jugendamt nichts unternähme.

Der verzweifelte Mann sucht eine andere Polizeidienststelle auf, erklärt seine Geschichte erneut. Der Beamte dort ist hilfsbereiter oder besser informiert oder hört ihm einfach besser zu, jedenfalls überweist er den Fall an die Kriminalpolizei. Es wird endlich eine Akte angelegt. In all dieser Zeit hört Peter Baumann kein Wort von seiner Lebensgefährtin oder seiner Tochter. Nichts. Er weiß nicht mal, ob sie noch in Berlin sind oder längst in Peru, wo Doras Familie ein Haus besitzt. Er ist verzweifelt: "Alle Behörden haben mich im Stich gelassen - vor allem das Jugendamt." Anke Otto vom Bündnis 90/Die Grünen, die für das zuständige Jugendamt Steglitz-Zehlendorf verantwortliche Bezirksstadträtin, bedauert Schicksale wie das von Peter Baumann. Aber sie verweist auch auf ein Missverständnis: "Das Jugendamt ist nie dazu da, den Eltern zu helfen, unser Fokus liegt auf dem Kindesinteresse."

Peter Baumann ist nun ein Verdammter des Krieges, den Eltern um ihre Kinder ausfechten. Es gibt keine Zahlen über Väter, deren Partnerinnen die Kinder entführt haben - oder "entzogen", wie es juristisch korrekt heißt. Nach Angaben des deutschen Jugendinstituts in München sind zurzeit zirka 50.000 Kinder von sogenannter "hochstrittiger Elternschaft" betroffen, das sind 2,5 Prozent aller Trennungskinder. Von den etwa 1,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland sind zirka 10 Prozent Väter. Schlechte Bilanz? "Es gibt eine erhebliche Anzahl von Vätern, die sich nach einer Trennung nicht um ihre Kinder kümmern wollen", sagt Sabina Schutter vom Verband allein erziehender Mütter und Väter (VAMV) in Berlin. Die österreichische Familienforscherin Mariam Tazi-Preve schätzt in ihrem Buch "Väter im Abseits" (VS-Verlag, etwa 36 Euro), dass mehr als 50 Prozent der Väter nach der Trennung abtauchen, sich nur selten oder gar nicht mehr bei den Kindern melden. Es ist bei allem Bemühen um Gleichberechtigung gesellschaftlich Realität, dass in vielen Fällen der Vater arbeitet, die Mutter bei den Kindern bleibt. Deswegen ist es nur schlüssig, die Kinder bei der Mutter zu lassen. Natürlich zementiert diese Rechtspraxis Verhältnisse, die als überholt gelten sollten. Aber Sabina Schutter mahnt an, dass sich die Gesellschaft erst verändern kann, wenn sich in den Familien etwas ändert: "Diese Rollenstrukturen müssen bereits bei zusammenlebenden Paaren durchbrochen werden." Meistens jedoch bleibt die Aufgabenteilung die gleiche. "Der Familienbericht der Bundesregierung zeigt, dass sogar Väter, die vor der Geburt eines Kindes viel Engagement in puncto Hausarbeit gezeigt haben, nach der Geburt des Kindes darin stark nachlassen." Somit hat die Frau die meiste Arbeit mit dem Kind, allerdings auch einen viel besseren Kontakt zu ihm, der Vater bleibt oft außen vor. Im Falle der Trennung tragen die Gerichte dieser Realität Rechnung. Dabei fallen allerdings jene Väter durchs Raster, die sich kümmern wollen. So hieß es bei der Väter-Demo 2007 in Berlin auf einem Transparent treffend: "Wenn Väter wollen sollen, müssen sie auch können dürfen." Ein Mann wie Peter Baumann, der sein Kind hegt und pflegt, aber von der Mutter ausgebootet wird, ist ein Opfer dieser Verhältnisse. Kein Wunder, wenn er die Fassung verliert.

Nach 3 Monaten ohne Lebenszeichen findet er seine Familie auf der Straße. Er sieht Dora in der Nähe vom Rathaus Steglitz, wie sie den Kinderwagen über den Bürgersteig schiebt, springt vom Fahrrad und hält die Mutter fest. Sie will ihn abwimmeln, schirmt das Kind von ihm ab, lässt ihn seine Tochter nicht sehen, nicht berühren. Er fühlt sich wie ein Aussätziger, lässt aber nicht locker, ruft die Polizei, erzählt seine Geschichte. Die Polizisten stellen fest, dass der Fall aktenkundig ist, Kindesentziehung durch die Mutter, alles klar. Aber nichts ist, wie es scheint. Nichts. Vor Ort stellt die Polizei 2 Alternativen zur Auswahl: Entweder kehren die Eltern in ihre gemeinsame Wohnung zurück oder die Polizei bringt Dora und das Kind an einen unbekannten Ort in Berlin und lässt sie dort wieder laufen, seinem Zugriff entzogen. Peter Baumann gerät außer sich. Was sind das für Alternativen? Natürlich will seine Ex nicht zurück in die Wohnung, sie hat ihn schließlich verlassen, hat sein Kind geklaut! Etwas in ihm reißt, etwas platzt. Er packt die Mutter seines Kindes, damit sie ihm nicht noch einmal abhaut, ihm nicht wieder das Kind raubt. Eine verständliche Reaktion, klar - aber auch ein dummer tätlicher Angriff. Es passiert, was passieren muss: Die Polizisten packen ihn, es gibt ein Gerangel, er geht zu Boden, verliert einen hoffnungslosen Kampf vor einem großen Publikum. 60 oder 70 Menschen stehen mittlerweile um die zerrissene Familie und die Polizisten herum, 2 Stunden hat das Gerede und Geringe gedauert, und am Ende landet Peter Baumann in Polizeigewahrsam auf dem Rücksitz eines Dienstfahrzeuges. Die Beamten warten, bis er sich beruhigt hat. Dann lassen sie ihn gehen. Völlig verstört kehrt er an den Ort des Geschehens zurück, um sein Fahrrad zu holen. Auch keine so gute Idee. Sicherlich hat er nicht sehr vertrauenerweckend ausgesehen, und sicherlich war es nicht gerade gut für ihn, dass Dora mit dem Kinderwagen immer noch dort stand und einer der Polizeibeamten ebenfalls noch vor Ort war. Aber dass ihm der Polizist dann gleich eine Ladung Pfefferspray in die Augen sprüht, erscheint übertrieben. Dass er zu Boden gedrückt und verhaftet wird, trotz seiner gerufenen, bald verzweifelt gebrüllten Beteuerungen, er wolle doch nur sein Fahrrad holen, nur das Rad, bitte! Dass er verhaftet und auf dem Polizeirevier wie ein Verbrecher behandelt wird, von dem man Fingerabdrücke nehmen will und den man, als er sich weigert, mit seinem Gesicht auf den kalten Fußboden drückt und ihm droht, ihm alle seine Finger zu brechen, wenn er nicht spurt. Peter Baumann landet schließlich in einer Gefängniszelle, wieder mit nichts. Und jetzt hat man ihm auch noch seine Fingerabdrücke abgenommen. Nach der Nacht im Gefängnis kehrt Baumann zwar zurück in seine Wohnung, aber nie wieder in sein altes Leben. Er nimmt sich einen Anwalt, beginnt, für sein Recht zu kämpfen. Und er sucht sich für diesen Kampf Verbündete: andere verlassene und verzweifelte Väter.

Franzjörg Krieg ist bei der Väterhilfsorganisation Väteraufbruch für Kinder (www.vafk.de) aktiv und archiviert alle Fälle. Seine Stimme ist laut, der Tonfall drängend, Hauptsatz reiht sich an Hauptsatz, wie Schüsse aus der Flak. Er hat, wie er sagt, etwa 1.500 Fälle wie Peter Baumann auf seiner Festplatte. Franzjörg Krieg sieht immer dasselbe Muster: "Da wird dafür gesorgt, dass der Mann arbeiten geht, um Frau und Kind zu versorgen, damit er nicht der Staatskasse zur Last fällt, weil er womöglich aufhört zu arbeiten und sein Sorgerecht wahr nimmt." Krieg selbst hat eine seiner beiden Töchter seit 10 Jahren nicht mehr gesehen, die andere nur nach zähem Kampf mit der Mutter. Er ist überzeugt, dass das Prinzip vom verdienenden Vater und der umsorgenden Mutter in Trennungsfamilien vom Staat gezielt aufrechterhalten wird. Dafür sorgten, sagt er, die Ministerien für Familie und Justiz, weil die von Frauen - Ursula von der Leyen (CDU) und Brigitte Zypries (SPD) - und damit feministisch geführt würden. Allerdings: Väter, die Geld verdienen, während Mütter bei Kind und Herd bleiben - ist das nicht das Gegenteil von feministisch?

Ein Versuch, die Fronten aufzuweichen, unternimmt das Cochemer Modell. Der Modellversuch im rheinland-pfälzischen Landkreis Cochem-Zell soll eine Alternative zu den oft jahrelang geführten gerichtlichen Auseinandersetzungen ums Kind bieten (www.ak-cochem.de). Familiengericht, Jugendamt, Anwälte und Betroffene verpflichten sich, in einem beschleunigten Verfahren ohne Gerichtsverhandlung und ohne die üblichen Schuldzuweisungen und Schlammschlachten zu einer Einigung zu kommen. Auch der die Verfahren begleitende, häufig ausufernde Schriftverkehr wird eingedämmt. So schön das Motto "Schlichten statt richten" klingt: Auch dieses Modell ist umstritten. Kritiker monieren, dass es in hochstrittigen Fällen oft hilfreich ist, durch Gerichtsentscheidungen klare Verhältnisse zu schaffen. In Cochem wird von den Elternteilen wie von allen anderen Beteiligten Kooperation erwartet, wozu es nicht immer kommt. Dem VAMV wurden sogar Fälle beschrieben, in denen Eltern aus dem Landkreis weggezogen sind, um am neuen Wohnort endlich eine Gerichtsentscheidung herbeizuführen. So edel der Gedanke, vor Gericht keine schmutzige Wäsche waschen zu wollen, auch ist: Viele der Betroffenen wollen nun mal ihren Ärger loswerden, bevorzugen klare Schnitte. Das Modell ist auch nicht geeignet in Fällen von häuslicher Gewalt. Die wirkt sich auf die Gesprächsbereitschaft der Opfer aus. Wer geschlagen wurde, will nicht mehr reden. Dass eine Beschleunigung der Verfahren in vielen Fällen den Beteiligten und vor allem den Kindern zugutekäme, bestreitet allerdings kaum jemand.

Die Frau vom "Fampf" ist hilfsbereit und freundlich. Sabina Schutter spricht die Abkürzung des Vereinsnamens in einem Wort aus: "Fampf". Das klingt wie das "Sams" mit vollem Mund, etwas Nettes, Kleines, Wuscheliges. Schutter und ihre Kolleginnen haben durchaus Verständnis und Mitgefühl für viele gebeutelte Väter. "Einigen wurde sicher übel mitgespielt. Aber man muss auch sehen, dass diese Fälle lediglich einen ganz geringen prozentualen Anteil an den Sorgerechtsfällen ausmachen." sagt sie. "In den meisten Fällen kommt es zu einer gütlichen Einigung, die gemeinsame Sorge ist inzwischen der Regelfall. Beschlüsse, die den Umgang ausschließen, sind zur Seltenheit geworden." Die Expertin verweist auf eine andere Seite: "Es gibt Fälle, in denen Väter die Kinder ins Ausland entführen und auf die Art vollendete Tatsachen schaffen. Dies ist immer eine schreckliche Situation für die Betroffenen - unter der die Kinder am meisten leiden." Für viele Männer von VAFK ist der VAMV nicht nett und niedlich, sondern der Feind. Die Mitglieder sind zu 85 Prozent Frauen, was etwa dem Anteil der Mütter an den Alleinerziehenden entspricht. Im Bundesvorstand des VAMV sitzen nur 2 Männer - neben 7 Frauen. In dem "Familienpolitischen Grundsatzprogramm" des VAMV findet sich dieser Passus: "Gegen den Willen eines Elternteils darf die gemeinsame Sorge nicht beibehalten werden." In Anbetracht der Tatsache, dass im VAMV mehrheitlich Frauen organisiert sind, ist das gewiss keine gute Nachricht für die Väter. Aber Sabina Schutter möchte ihren Verband nicht als Gegenpol zu VAFK sehen: "Eine Polarisierung bringt niemanden weiter." Der VAMV ist seit über 40 Jahren tätig und vertritt - gemessen am Säbelrasseln des VAFK - tatsächlich eine gemäßigte Position. Die Radikalen auf Seiten der Mütter finden sich - wen wundert das? - vor allem bei den Opfern häuslicher Gewalt. Verwundete allenthalben. Viele der verletzten und doch kampfbereiten Mütter und Väter tragen einen heiligen Zorn zur Schau, der ihrer Sache nicht immer dienlich ist - und die Frage aufwirft: Was ist eigentlich ihre Sache? Geht es ihnen wirklich immer nur ums Wohl des Kindes? Anwälte vermeiden es meist, vor Gericht zu erwähnen, wenn ihre Mandanten in Verbänden organisiert sind, damit der Richter sie nicht in die Radikalen-Schublade steckt.

Zum Problem der ausgebootenen Väter will im Bundesfamilienministerium übrigens niemand Stellung nehmen. Senioren, Frauen, Kinder ja aber Väter? Auch dort fallen sie durch das Raster. Dafür leistet das Ministerium auf eine andere Weise Schützenhilfe: Durch die Neuregelung des Unterhaltsrechts zum 1. Januar 2008 werden in Zukunft viele getrennte und geschiedene Mütter gezwungen sein, frühzeitig wieder einen Job anzunehmen. Einige werden vielleicht Probleme haben, eine geeignete Betreuung für das Kind zu finden. "Das wirkt sich mittelbar auch auf das Sorgerecht und das Umgangsrecht aus", so der Hamburger Fachanwalt für Familienrecht Michael Dittmann (siehe Interview, ab Seite 106). "Wenn die Frau wieder arbeiten gehen muss, kann der Vater unter Umständen ketzerisch sagen: Die Kinderbetreuung kann ich ja übernehmen, wenn ich nachmittags aus dem Büro komme. "Während viele Väter das neue Gesetz nutzen wollen, um sich der finanziellen Ansprüche ihrer Ex-Frauen zu entledigen, werden manche Väter möglicherweise versuchen, endlich wieder Umgang mit ihren Kindern zu bekommen. Dafür sind allerdings Ruhe und Gesprächsbereitschaft erforderlich, und zwar auf beiden Seiten.

Peter Baumann nützt diese Hoffnung nicht viel. Ein Umgangsrecht für seine Tochter hat er nicht erhalten, weil er eine Einspruchsfrist versäumte, nachdem eine Anwältin ihn falsch beraten hatte. Dagegen bekam Dora die Erlaubnis, jederzeit mit dem Kind nach Peru auszufliegen. Der Vater weiß nicht, ob sie es getan hat, weiß nicht, wo seine Tochter ist. Er muss sich mit den andere Problemen herumschlagen: Sein Gespartes geht zur Neige, auch finanziell droht ihm das Nichts. Kein Wunder, nach all den Anwaltskosten im Gerichtsverfahren, bei Anträgen auf einstweilige Verfügung im Umgangsrecht und im Aufenthaltsbestimmungsrecht, diversen Anträgen beim Jugendamt und bei der Familienberatungsstelle - ein teurer Spießrutenlauf durch die Institutionen. Es sieht fast so aus, als habe man ihn mürbe machen wollen. Ihn anrennen lassen gegen eine Wand, bis er aufgibt, um ihm dann zu sagen, dass hinter dieser Wand nichts ist. Nichts. Er muss vielleicht die Wohnung aufgeben, hat bereits seinen Kleiderschrank verkauft, auf dem Boden stapeln sich Hosen und Tüten mit Wäsche. Eventuell muss bald sein Computer dran glauben. Der steht im Kinderzimmer, das Peter Baumann nur ungern betritt. Er wird es erst mal untervermieten. Vor einer Winnie-Puuh-Tapete steht ein mit Papier übersäter Schreibtisch. Auch auf dem Wickeltisch liegen Papiere und Ordner. Einen hebt er hoch und sagt: "Hier, das sind die Akten zu meinem Fall." Es sind mehrere Finger breit Papier. Die Zeugnisse einer Niederlage. Das Berufungsverfahren wegen seiner Anzeige gegen die Polizisten läuft noch. "Aber sie halten zusammen, da habe ich wohl keine Chance." Der Prozess ums Sorge- und Umgangsrecht ist kürzlich nach knapp 2 Jahren zu Ende gegangen. Das Gericht sprach in erster Instanz Dora das alleinige Sorgerecht zu. Die Begründung: Das Kind habe die letzen Jahre bei der Mutter verbracht. Der Vater sei ihm fremd. Über diesen Hohn kann Peter Baumann nur müde den Kopf schütteln. Er hat den Kampf aufgegeben. Für ihn endet alles in dem Moment, als ihm, nach all diesen Verfahren und Wiederverfahren und Immerwiederverfahren, eine Mitarbeiterin des Jugendamtes am Telefon fragte, ob er denn nun immer noch sein Kind sehen wolle? Dazu fällt ihm nichts mehr ein. Nichts.

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