Rechtsanwälte Garbe & Dittmann, Presse

PRESSE


Artikel aus "Mobile - das Familienmagazin", Ausgabe Nov./Dez. 2007
Seiten 24 - 26

Getrennte Wege - So kommt das Kind besser mit der Scheidung klar

Rund 200.000 Ehen scheitern jedes Jahr in Deutschland. Schlimm für die Betroffenen - vor allem, wenn Kinder zu diesem Paar gehören. Doch Mädchen und Jungen können auch gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Aus. Vorbei. Der große Traum von ewiger, leidenschaftlicher Liebe, wie eine Seifenblase zerplatzt. Glaubt man Umfragen, gilt eine Scheidung als das Zweitschlimmste, was einem Menschen passieren kann - gleich nach dem Tod eines nahen Angehörigen.

Was folgt, ist das Chaos. Vor allem für das Kind. Unverständlich? In normalen Krisensituationen, wie Erdbeben, Brand- und Flutkatastrophen, bringen die Eltern instinktiv zuerst ihre Kinder in Sicherheit. In der Panik der Umbruchsituation Scheidung hingegen scheint jeder Verstand der Erwachsenen ausgeschaltet.

"Die Mutter und der Vater sind am Anfang sehr mit sich selbst beschäftigt", sagt Matthias Weber, Leiter der Lebensberatungsstelle des Bistums Trier in Neuwied. "Trauer, Wut und Existenzängste dominieren. In diesem Gefühlswirrwarr ist es schwierig, den Blick auf die Kinder zu richten."

Zusätzlich belastend: Der ganze rechtliche "Kram". Im Rahmen einer Trennung muss viel geregelt werden, vor allem der Unterhalt für die Kinder und gegebenenfalls des Ehepartners. "Das führt nicht selten zum Streit", weiß Michael Dittmann, Fachanwalt für Familienrecht in Hamburg. Der Mann will so wenig zahlen wie möglich. Die Frau hat oft keinen Überblick, wie viel der Mann überhaupt verdient. Sie will mehr Geld für sich und die Kinder, um den alten Lebensstandard zu halten. Das geht aber nicht, denn zwei Haushalte kosten nun mal mehr als einer. Die Fronten zwischen Mutter und Vater verhärten sich weiter - zum Nachteil des Kindes."

Was soll in dieser Situation aus den Kindern werden? Gestörte Wesen, keine Freunde im Kindergarten, schlecht in der Schule, später völlig beziehungsunfähig - im schlimmsten Fall sogar kriminell? Keine Sorge: Das ist extrem unwahrscheinlich! Die weltweit größte Studie zum Thema "Scheidungskinder" zeigt: Kinder verkraften die Scheidung ihrer Eltern besser als bisher angenommen. Die Psychologin E. Mavis Hetherington von der University of Virginia (USA) hatte für ihre Untersuchung 1400 Scheidungsfamilien 30 Jahre lang begleitet. Obwohl es in den ersten beiden Jahren nach der Scheidung zu hohen Belastungen kommt, gehen Kinder aus Scheidungen auf lange Sicht als Gewinner hervor. Sie werden ungewöhnlich belastungsfähig, reif und zielstrebig - nicht trotz der Herausforderungen der Scheidung, sondern gerade deswegen.

Kinder leiden unter dem ständigen Streit der Eltern.
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie: Entscheidend für das Wohlergehen von Kindern nach einer Scheidung ist das Verhalten des Elternteils, bei dem sie leben. "Ein fürsorglicher, kompetenter Elternteil war der wirkungsvollste Schutz, den ein kleines Kind gegen die Stressbelastungen der Trennung haben konnte", so die Psychologin.

Doch bei allem Optimismus: Mavis Hetherington verweist deutlich auf die großen Gefahren, die für Kinder mit der Scheidung verbunden sein können. Besonders fatal fürs Kind: Ständiger Streit der Eltern - noch Jahre nach der Trennung. Darunter leiden auch die Betroffenen selbst: Wer ständig mit Hass auf seinen Ex-Partner blickt, kann kaum ein neues, erfülltes Leben beginnen.

Was tun? Auch wenn es schwerfällt, ist eine Kooperation der Eltern im Interesse des Kindes sinnvoll. Die Erkenntnis "Ein schlechter Ehepartner kann trotzdem ein guter Vater, eine gute Mutter sein" erscheint oft übermenschlich schwer. Leichter wird es, wenn jeder Partner bedenkt, dass er diesen Vater bzw. diese Mutter für seine Kinder gewählt hat, dass jedes Kind nur einen Vater bzw. eine Mutter hat - und zwar diese/n.

Hilfreich für besonders zerstrittene Eltern sind Therapieangebote. Matthias Weber: "Ich versuche immer, beide Eltern an einen Tisch zu bekommen. In der akuten Trennungsphase ist das aber oft nicht möglich. In solchen Fällen rede ich mit jedem einzeln. Ich sage ihnen, dass ich Verständnis dafür habe, dass sie sauer sind. Aber dennoch versuchen wir gemeinsam zu schauen, wie es den Kindern geht."

Das Wichtigste für das Kind nach der Trennung: Es muss weiter Kontakt zum anderen Elternteil haben. In den meisten Fällen bleibt das Kind bei der Mutter. Sprich: Es sollte weiter regelmäßig den Vater sehen, sonst denkt es: Papa ist ausgezogen, weil er mich nicht mehr lieb hat."

Wie dieser Umgang gestaltet wird, ist vor allem vom Alter des Kindes abhängig. Während ein Baby meist nur wenige Stunden beim Ex-Partner weilt, übernachten viele Kinder ab einem Alter von rund drei Jahren beim Vater, sodass ein Wochenendaufenthalt von Samstag zu Sonntag möglich wird - und dies alle zwei Wochen. Rechtsanwalt Dittmann: "Die Standardregelung für alle älteren Kinder ist eigentlich: Alle zwei Wochen von Freitagnachmittag bis Sonntagabend zum Vater und vielleicht noch ein Nachmittag oder Abend in der Woche zwischendurch."

Das Umgangsrecht wird leider oft als Machtspiel missbraucht.
Meist einigen sich die Eltern über ihre Anwälte auf eine dieser Regelungen. Oft ist auch das Jugendamt mit eingeschaltet. Findet man keinen Kompromiss, muss der Familienrichter entscheiden. Ist das Kind älter als 14 Jahre, kann es selbst zum großen Teil über den Umgang entscheiden.

In der Praxis gibt es besonders beim Umgangsrecht viele Probleme. "Das Umgangsrecht wird zunehmend als Machtspiel missbraucht", klagt Michael Dittmann. "Um den anderen zu schikanieren, werden zum Beispiel kurzfristig Termine abgesagt. Leidtragende sind immer die Kinder. Denn in der Regel freuen sie sich auf den Besuch beim anderen Elternteil".

Eltern können viel tun, um dem Kind den Umgang mit dem anderen Elternteil und die Scheidung zu erleichtern. Hier die besten Tipps:

  • Zeit mit dem Kind verbringen: Egal ob gemeinsam malen, lesen oder musizieren - das Kind will besonders jetzt spüren, dass Sie es ganz doll lieb haben. Halten Sie auch an so vielen Ritualen wie möglich fest (zum Beispiel Buch vorlesen und kuscheln vor dem Einschlafen), um dem Kind ein Gefühl der Sicherheit zu geben.

  • Geschwisterkinder nicht trennen: Manchmal kommen Eltern auf die Idee, ein Kind bleibt beim Vater, das andere bei der Mutter. Das ist abstrus. "Kinder sind kein Hausrat, den man aufteilt", meint Weber. Gerade während einer Trennung geben sich die Geschwisterkinder sehr viel Halt. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger ist, dass sie zusammenbleiben.

  • Dem Kind alles erklären: Das Kind sollte nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Im Idealfall sagen Mutter und Vater dem Kind gemeinsam, dass sie sich trennen wollen, aber dass das Kind beide weiter sehen kann. Hilfreich sind auch Kinderbücher, die sich mit diesem Thema beschäftigen (siehe Buchtipps).

  • Gefühle zeigen dürfen: Auch Ihr Kind darf über die Trennung traurig und wütend sein und diese Gefühle äußern. Dies hilft den Kindern, sich verstanden und in ihrem Schmerz angenommen zu fühlen.

  • Die gewohnte Umgebung erhalten: Wenn irgend möglich, sollte das Kind mit dem betreuenden Elternteil in der vertrauten Wohnung bleiben. Nicht zuletzt deswegen, weil auch die Freunde im Haus oder in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnen. Wenn Sie die Wohnung wechseln müssen oder wollen: Wählen Sie den neuen Wohnort so aus, dass das Kind in seinem bekannten Kindergarten oder seiner Schule bleiben kann.

  • Kein Streit vor den Kindern: Anhaltender Streit zwischen den Eltern verletzt die Gefühle des Kindes, da es sich immer selbst als Verursacher der Spannungen sieht. Es sollte zumindest ein sachlich vernünftiges Verhältnis angestrebt werden.

  • Andere lieb haben dürfen: Gestatten Sie Ihrem Kind, auch andere Menschen zu mögen - auch wenn Sie diese ablehnen (wie möglicherweise im Fall des Ex-Partners). Das Kind hat das Recht, den anderen Elternteil lieb und mit ihm Spaß zu haben. Freuen Sie sich, wenn sich Ihr Kind beim Ex-Partner wohlfühlt. Das ist immer noch besser, als wenn Sie sich Sorgen machen müssten!

  • Kontakte zu Freunden pflegen: Alles, was Stabilität in dieser Umbruchphase bietet, ist gut fürs Kind. "Alte" Freunde sind jetzt ganz wichtig und geben die Sicherheit "Es ändert sich nicht alles." Geht das Kind in einen Sportverein, sollte es dies möglichst auch weiter tun.

  • Selbstbewusstsein stärken: Egal wie alt Ihr Kind ist - tun Sie alles, um sein Selbstwertgefühl zu stärken, indem Sie Erfolgserlebnisse ermöglichen. Loben Sie es, wann immer es Lob verdient oder sich auch nur anstrengt. Übertragen Sie Verantwortung: Auch ein Kindergartenkind kann kleine Aufgaben im Haushalt erledigen, zum Beispiel Blumen gießen.

Dem Kind geht es gut, wenn Eltern glücklich sind

  • Oma und Opa besuchen: Großeltern können - sofern sie dies wollen - eine große Hilfe während der Trennungsphase sein. Sie kennen das Kind schon lange, haben es lieb und kümmern sich meist rührend weiter um das Kind. Eltern sollten den Kontakt zu den Großeltern daher unterstützen.

  • Kein volles Programm: Kinder wollen nach einer Trennung nicht von den Eltern um die Wette verwöhnt werden. Sie wollen oft nur eine fröhliche Zeit erleben und etwas mit dem jeweiligen Elternteil spielen.

  • &Neue Partner langsam einführen: Irgendwann hat jeder Elternteil einen neuen Partner - mitunter war das vielleicht auch der Trennungsgrund. Neue Partner sind legitim und wünschenswert. Dennoch sollte man das Kind nicht mit der neuen Person überfordern und ständig die Zeit zu dritt verbringen. Besser ist es, überwiegend mit dem Kind etwas allein zu unternehmen - und ihm damit die ungeteilte Zuwendung zu zeigen.

  • Denken Sie auch an sich selbst: Dem Kind wird es langfristig nur gut gehen, wenn Sie selbst glücklich sind. Unternehmen Sie selbst etwas Schönes, machen Sie Pläne für die Zukunft. Und wenn es Ihnen ganz schlecht geht: Suchen Sie sich professionelle Hilfe. Eine Trennung ist immer schwierig - besonders wenn man selbst verlassen wurde. Denken Sie aber auch daran: Die Scheidung bietet die Chance, danach ein besseres Leben zu führen.

Leidet das Kind unter der Trennung, zeigt es dies auf unterschiedliche Weise - je nach Alter und Charakter. Mögliche Symptome:

  • Akute Trennungsängste

  • Weinerlichkeit

  • wenig Neugier

  • ängstliches Anklammern an bekannte, Furcht vor fremden Personen

  • gesteigerte Aggressivität und Trotzverhalten, Hyperaktivität

  • Leistungsverweigerung, Konzentrationsstörungen

  • psychosomatische Störungen wie Kopfweh oder Bauchweh

  • erneutes Bettnässen oder Einnässen bei Kindern, die vor Kurzem erst trocken geworden sind
Doch Vorsicht: Nicht jedes negative Verhalten des Kindes hat etwas mit der Trennung zu tun - ein Fehler, den viele Scheidungs-Eltern machen. Was aber tun, wenn das Kind tatsächlich sehr durcheinander ist? Eltern sollten sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In jeder Stadt gibt es Familienberatungsstellen. Adressen findet man im Telefonbuch oder Internet.

In vielen Familienberatungsstellen gibt es "Trennungsgruppen" - in der Regel für Kinder ab fünf bis sechs Jahren. Dort sind die Mädchen und Jungen mit anderen Scheidungskindern sowie einem Kinderpsychologen zusammen. "Die Kinder können dort offen alles sagen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Sie merken, dass sie nicht allein sind, sondern es noch andere Kinder mit den gleichen Sorgen gibt", sagt Familienberater Weber. Den Eltern wird oft angeboten, sich parallel in derselben Einrichtung von ausgebildeten Fachkräften beraten zu lassen.

Gabriele Hellwig
Fachjournalistin für Gesundheit und Familie.
Sie ist geschieden und lebt mit ihren beiden Kindern in Hamburg.

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